Begründung der Jury

In diesem Jahr traf die Jury ihre Entscheidung online, da die Filmtage Globale Perspektiven nicht wie geplant stattfinden konnten.

Mit dem Preis werden die Arbeiten von Regisseurinnen und Regisseuren gewürdigt, deren Filme für Probleme in Ländern des Globalen Südens sensibilisieren, die aber auch Ansätze zur Veränderung aufzeigen und einen Perspektivenwechsel ermöglichen.

1. Preis:
Kabul, City in the Wind
Ein Film von Aboozar Amini
Niederlande, Japan, Deutschland, Afghanistan 2018, 88 Min. Dokumentarfilm

Wie lebt man in Erwartung kommender Selbstmordanschläge? Wie gelingt Aufwachsen in einem Land, das seit Jahrzehnten in sehr unterschiedliche Kriegszustände verstrickt ist? Die Menschen in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, leben mit Gewalterfahrungen. Erlittene körperliche wie seelische Verletzungen, auch das Erzählen davon und die Erinnerung prägen das Miteinander.
Der aus Afghanistan stammende Filmemacher Aboozar Amini beschreibt in „Kabul, City in the Wind“ diesen Zustand seines Landes aus zwei sehr unterschiedlichen Blickwinkeln:
Für den Jungen Afshin geht es, in enger Beziehung zu seinem jüngeren Bruder Benjamin, um das Aufwachsen im Schatten der Gewalterlebnisse – vor allem – seines Vaters, eines Polizisten, der das Land verlassen muss, weil er bedroht wird. Wie viel Kind sein erlaubt ihm seine Lebenssituation?
Für den Busfahrer Abas bestimmt die Erfahrung, nur 10% seines Lebens als friedlich erlebt zu haben, seine erfolglosen Versuche, alles richtig zu machen und seine Schuldenlast abzubauen. Er begegnet seiner Furcht mit Liedern und flüchtet sich immer mal wieder in den Drogenrausch.
In drei auf einander folgenden Jahren machte Aboozar Amini seine sehr eindrücklichen Porträts. Dabei gelang dem Filmemacher die behutsame Begleitung von Alltagssituationen und die künstlerische Gestaltung sehr persönlicher Aussagen seiner Protagonisten. Wir erfahren viel von ihren Wünschen und Träumen und ihren Ängsten. Amini nimmt sich Zeit, die Ereignisse und Begebenheiten nebenbei zu zeigen.
Kunstvoll verschachtelt der Filmemacher die Geschichten; so entsteht aus kleinen Versatzstücken ein gesamtes Bild. Der Film braucht keine genaue zeitgeschichtliche Einordnung, aber er regt dazu an, sich genauer anzuschauen, was in der Region am Hindukusch geschieht. Er hilft uns auch zu verstehen, was Menschen, die aus Krisengebieten zu uns kommen, bewegt und welche Erfahrungen sie mitbringen.
„Kabul, City in the Wind“ lenkt unseren Blick in besonderer Weise auf die Menschen in einer Stadt, die historisch durch Krieg und Gewalt geprägt ist. Er lässt den Menschen ihre Menschlichkeit und zeigt sie jenseits von dokumentarischer Nachrichtenästhetik mit all ihren Wünschen und Träumen, in ihren Familien und sozialen Beziehungen, mit ihren Stärken und Schwächen. In seiner poetischen Gestaltung weist der Film über sein Thema und seine Figuren hinaus. So gelingt es dem Filmemacher Aboozar Amini mit seinen vermeintlich kleinen, regionalen, menschlichen Geschichten die Stadt Kabul zu einem Symbol dafür zu machen, was Leben, so nahe an Krieg und gewaltsamen Auseinandersetzungen, bedeutet. Der Wind, der die Stadt und den Film immer wieder durchweht, treibt auch die Menschen durch ihr Leben.

2. Preis
Algo-Rhythm
Ein Film von Manu Luksch
Österreich, Großbritannien, Senegal 2019, 14 Min. Experimentalfilm

„Algo-Rhythm“ ist eine rasante Hip-Hop-Komödie, in der der Senegal zu einem Modellfall für künftige Auseinandersetzungen um politische Repräsentation und Willensbildung wird. Zwei Kandidatinnen um das Präsidentenamt stehen einem Mr. X von Data Analytica gegenüber, der Werbung für seine Methoden macht.
Mit dem experimentellen Kurzfilm gelingt es der Regisseurin Manu Luksch und ihren senegalesischen Kooperationspartner*innen eine Ästhetik zu schaffen, die sichtbar macht was nur schwer vorstellbar ist und darstellt, wovon sie handelt: Algorithmische Prozesse, die sich „hinter“ den Bildschirmen der Handys und Computer abspielen; Politik, die immer auch korrupte Medienpolitik ist; Datenmissbrauch, Big Data, Maschinenintelligenz.
Dabei versucht der Film, ein kritisches Bewusstsein zu schaffen, nicht durch die Mittel der Kritik, sondern vor allem durch eine audio-visuelle Sprache, die mit Geschwindigkeit, popkulturellen Referenzen und futuristisch aussehenden, abstrakten Oberflächen spielt und sie zugleich verfremdet und konkret verankert. „Algo-Rhythm“ beeindruckt nicht nur durch seine Sinnlichkeit und verspielte Eleganz, sondern auch weil er eindrücklich zeigt, wie Wahlen überall in unserer globalisierten Welt durch die Algorhythmisierung von Information entschieden werden können.

3. Preis
Bamboo Stories
Ein Film von Shaheen Dill-Riaz
Deutschland, Bangladesch 2019, 96 Min. Dokumentarfilm

Bamboo Stories ist ein beeindruckender Abenteuerfilm. Mit atemberaubenden Aufnahmen von Bangladeschs Bambuswäldern führt uns der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilmer Shaheen Dill-Riaz in seinem Herkunftsland in die raue Welt der Männer ein, die den Bambus fällen, ihn aus dem Wald holen und über eine 300 Kilometer lange Flussstrecke Richtung Dhaka flößen. Die Fahrt mit den 25.000 Baumstämmen dauert über einen Monat. In der Hauptstadt von Bangladesch wird der Bambus als Baumaterial schließlich verkauft. Mit Witz und Schmerz erzählen die Männer auf ihrer Floßreise, warum sie so an einer Arbeit hängen, die hart, schlecht bezahlt und gefährlich ist, denn neben Stromschnellen des Flusses lauern auch Diebe und Piraten auf leichte Beute.
Überzeugend ist vor allem die eindrucksvolle Kameraarbeit und der Mut des Filmemachers, einen solchen Film umzusetzen, gefährlichen Tieren und möglichen Überfällen zum Trotz.
Es ist ein unbekanntes Bild von Bangladesch, das der in Berlin lebende Filmemacher zeigt: Spannende Landschaften und sympathische, fleißige Menschen, die ihre gewachsenen eigenen Techniken anwenden, den Bambus aus dem Wald –und über den Fluss zu transportieren. Die Arbeit auf dem Fluss wird eindrücklich gezeigt als faszinierendes, kunstvolles Handwerk.
Bamboo Stories ist ein toller Film und eine großartige Leistung des Regisseurs, der viel Zeit und Engagement investiert hat und uns die Menschen respektvoll nahebringt. Ein wirkliches Seherlebnis. 

Lobende Erwähnung
La Bestia
Ein Film von Manuel Inacker
Deutschland, Mexiko 2018, 23 Min. Dokumentarfilm

Dicht rauscht „La Bestia“ an einem jungen Mann vorbei. Starr blickt er in die entgegengesetzte Richtung des vorbeifahrenden Zugs, der sich laut ratternd hinter ihm entfernt.
Mit diesem ausdrucksstarken Sinnbild beginnt die Dokumentation „La Bestia“ und führt damit zwei Protagonisten ein. Der Zug, genannt „La Bestia“- die Bestie, und Migranten aus Zentralamerika, die mit diesem Zug an die Grenze Mexikos Richtung USA zu flüchten versuchen.
Ruhige lange Einstellungen der einsamen und staubig trostlosen Umgebung entlang der Gleise führen das neben der Zugstrecke gelegene „Haus der Migranten – Casa del Migrante“ ein, eine Hilfseinrichtung vor den Toren von Mexiko-Stadt. Hier können sich Migranten auf ihre waghalsige und lebensgefährliche Flucht vorbereiten. Sie erhalten Kleidung, Essen, ein Bett für eine Nacht und die letzte Segnung eines Geistlichen, bevor sie am nächsten Tag auf einen fahrenden Güterzug „La Bestia“ aufzuspringen versuchen, um in ein besseres Leben zu entfliehen.
Der Filmemacher führt uns für 24 Stunden in diesen Ort des Geschehens und lenkt den Blick auf die Migrationsproblematik in Zentralamerika. Durch situative Momentaufnahmen wie Gespräche zwischen Mitarbeiter*innen der „Casa del Migrante“ und den jungen Migrant*innen aus Honduras und Guatemala erhaschen wir Einblicke in ihre familiären Situationen, ihre Ängste, Hoffnungen und in die Beweggründe, ihre Heimat zu verlassen.
Dem Autor Manuel Inacker gelingt es, einen Ort der Verzweiflung und Hoffnung erlebbar zu machen. Er gewährt authentische Einblicke in die Arbeit der „Casa del Migrante“ und kommt den Menschen bei ihrem schicksalhaften Vorhaben nah. 

Empfehlungen für die Bildungsarbeit
chinafrika.mobile
Ein Film von Daniel KJötter
Deutschland 2018, 38 Min. Experimenteller Dokumentarfilm

Für Entwicklungs- und Schwellenländer Afrikas haben die Möglichkeiten mobiler Kommunikation eine große wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung, die sich von der westlich geprägten unterscheidet. Der Film „chinafrika.mobile“ ermöglicht uns einen Einblick, indem er in vier Kapiteln den Weg eines Handys begleitet.
„chinafrika.mobile“ kann entweder als experimenteller Dokumentarfilm oder auch als dokumentarischer Experimentalfilm betrachtet werden. Kötter gestaltet seinen Film aus dem Material einer Vielzahl unterschiedlicher Menschen: Es ist aus unterschiedlichen Blickwinkeln, zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten in Afrika und Asien entstanden. Gefilmt und interviewt haben die Menschen, die an den jeweils dargestellten Orten mit Rohstoffgewinnung, Produktion, Handel oder Recycling von Handys zu tun haben. Die Filmbilder sind allesamt mit Handykameras gefilmt, machen also den inhaltlichen Gegenstand, das Thema zum Medium und Werkzeug. Deutlich ist, dass es dem Filmemacher dabei nicht um „gestaltete Authentizität“ geht, sondern vielmehr darum, diesen Menschen Beteiligung aus ihrem je eigenen Blickwinkel zu ermöglichen.
Die Verbindung zwischen Afrika und Asien (besonders: China) verweist auf Verflechtungen in einer globalisierten Welt, die hierzulande bislang noch nicht häufig thematisiert werden. Die Möglichkeiten mobiler Kommunikation und ihrer technischen Mittel wirken sich in vielen afrikanischen Ländern in sozioökonomisch besonderer Art aus, die weit über die Rolle von Rohstofflieferanten hinausgehen. In China werden besondere Handys für die Bedingungen eines afrikanischen Marktes hergestellt. Der chinesisch-afrikanische Binnenhandel bezieht sich auf diese Produkte sowie aufbereitete Handys. In Afrika bilden sich spezifische Vertriebsformen und es werden Reparaturdienstleistungen angeboten. Schließlich ist auch das Ende der Produkte, die Verschrottung alter und defekter Geräte ein Wirtschaftsfaktor, besonders in westafrikanischen Ländern.
Im Rahmen entwicklungsbezogener Bildungsarbeit ist dieser unverstellte, dennoch sorgfältig gestaltete und thematisch pointierte Zugang besonders gut einsetzbar. Er stellt die Bedingungen dar, denen das Wirtschaften mit mobiler Kommunikationstechnik vor allem in Afrika unterliegt. Dabei zeigen die Filmenden in ihren jeweils eigenen Kapiteln immer auch die problematischen Seiten des weltweiten Handy-Booms auf. So berührt der Film, ohne sie ausdrücklich zu benennen, auch unsere (westlich geprägte) Art des Konsums und Umgangs mit dem technischen Kommunikationsmittel Mobiltelefon sehr unmittelbar. 

Depot Asmara
Ein Film von Beatrice Möller
Deutschland 2019, 25 Min. Dokumentarfilm

„Depot Asmara“ widmet sich an einem abgeschiedenen Ort einer fast vergessenen Geschichte, der Geschichte der Eritrea-Bahn. Erbaut während der italienischen Kolonialzeit, verband die Schmalspurbahn die Hafenstadt Massawa am roten Meer mit der Hauptstadt Asmara im Hochland und bildete die Lebensader des kleinen afrikanischen Landes. Während des 30-jährigen Krieges mit Äthiopien wurde die Bahnstrecke zerstört und konnte nach der 1993 errungenen Unabhängigkeit nur zum Teil wieder aufgebaut werden. Heute werden die Dampfloks aus den 1920er und 1930er Jahren nur noch angeheizt, wenn Touristen kommen. Es herrscht oft Stillstand im Eisenbahndepot von Asmara.
Der halbstündige Dokumentarfilm beeindruckt durch die sinnliche Annäherung an seinen Schauplatz und die respektvolle Beziehung, die er zu seinen Protagonisten, dem jungen Lokführer Hinza und dem alten Chefmechaniker Feshatsion, aufbaut. Während die beiden Männer eine Dampflok mit Kohle, Schmiermittel und Werkzeug für die nächste große Fahrt rüsten, lassen sie uns an ihren Erinnerungen, Erfahrungen und Wünschen teilhaben. Es ist nicht zuletzt ihre Freundschaft, die sich dem Stillstand entgegenstellt und den Traum von einer besseren Zukunft am Laufen hält.
Beatrice Möller gelingt es, Arbeit und Leben im Depot Asmara in poetischen Bildern einzufangen und darin zugleich die von Kriegen und Konflikten geprägte Geschichte Eritreas in verdichteter Form aufscheinen zu lassen. 

The War on my Phone
Ein Film von Elke Sasse
Deutschland 2018, 90 Min. Dokumentarfilm

„The War on my Phone“ ist ein Dokumentarfilm über vier Geflüchtete aus dem Nahen Osten, die es aus dem syrischen Bürgerkrieg nach Europa geschafft haben. Die Geflohenen sind zwar der unmittelbaren Lebensgefahr entkommen, aber Krieg bestimmt dennoch weiterhin ihr Leben. Täglich erreichen sie Nachrichten und teilweise schockierende Videos von Bombenangriffen und Gräueltaten aus der Heimat – von inhaftierten Freund*innen und verzweifelten Verwandten. Es sind keine professionellen Videos, die auf den Handys landen: Sie sind verwackelt, unscharf und der Ton ist oft schlecht. Die amateurhaften Handyaufnahmen erlauben aber drastische Einblicke in die Brutalität der Auseinandersetzungen jenseits medial aufbereiteter Nachrichten, denn sie sind authentisch und bringen uns den Kriegsalltag nahe.
Filmisch hat Regisseurin Elke Sasse ganz bewusst mit Kontrasten gearbeitet: Die Zuschauer*innen sollen den Spagat zwischen Idylle und der syrischen Realität, den die Protagonist*innen durchleben, nachvollziehen. In die Postkartenwelten vom Genfer See oder dem Münsterland platzen Videos von Bombenangriffen oder aus einem Gefängnis. Im Café flimmern IS-Propagandavideos auf dem Handy. Der Krieg ist plötzlich ganz nah – und er hat ein Gesicht und eine Stimme.
Nach dem Dokumentarfilm „#MyEscape“ verwendet die Regisseurin einmal mehr nicht professionelles Video- und Tonmaterial, um uns Schicksale und ihre Lebensrealität nahe zu bringen.
Ein spannender Film, der dank guter Dramaturgie und authentischen Protagonist*innen, die andauernden bewaffneten Auseinandersetzungen in Syrien näher bringt.

Der Film steht in einer Kurzfassung für die Bildungsarbeit zur Verfügung:
https://www.planet-schule.de/sf/php/sendungen.php?sendung=10976

Mitglieder der Jury:
Kathrin Brinkmann, ZDF/Arte
Joakim Demmer, Filmemacher
Ute Hilgefort, Filmemacherin, Deutsche Welle Akademie
Stefan Logemann, Evangelische Medienzentrale Schwerte
Georg Thünemann, Misereor